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Eröffnungsrede Frau Dr. Antje Lechleiter

Max, Jakob und David Bill – drei Generationen im Vergleich. Kunsthalle Messmer, Riegel. Eröffnung: Freitag, 22. Februar 2019. Einführung: Dr. Antje Lechleiter©, Freiburg

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Sehr geehrte Damen und Herren

in dieser Ausstellung kommen mit Max Bill, Jakob Bill und David Bill drei Generationen zu Wort, die sich auf jeweils eigenständige Weise dem unendlichen Reichtum und der Vielfalt der konkreten Kunst verschrieben haben. Nicht ohne Grund datiert das früheste, ausgestellte Werk Max Bills auf 1941, denn nur wenige Monate später erblickte sein Sohn Jakob das Licht der Welt. Die Ausstellung gibt uns die Möglichkeit, gemeinsame Bezugspunkte und unterschiedliche Herangehensweisen zu erkennen, und in dieses Beziehungsgeflecht werden wir gleich zu Beginn des Rundganges eingeführt. Hier geht es bei allen drei Positionen um das Quadrat, das mit den unbunten Farben Schwarz und Weiß verbunden wird. Alles was wir hier im vergleichenden Sehen über das Werk der einzelnen Künstler herausfinden, wird sich beim Weg durch die Ausstellung weiter bestätigen. Den Schlusspunkt setzt dann David Bill, der das Thema « Schwarz-Weiß im Quadrat » mit mehreren eindrucksvollen Werken nochmals akzentuiert.

Max Bill, der 1908 in Winterthur geboren wurde und 1994 in Berlin verstarb war Architekt, Maler, Designer, Grafiker und Bildhauer, er kuratierte Ausstellungen und publizierte kunsttheoretische Schriften über die konkrete Kunst. Bill absolvierte zunächst eine Lehre als Silberschmied an der Kunstgewerbeschule in Zürich und begann im Frühjahr 1927 ein Studium am Bauhaus, das zwei Jahre zuvor von Weimar nach Dessau gezogen war. Er studierte dort bei Josef Albers, László Moholy-Nagy, Paul Klee und Wassily Kandinsky. Am Bauhaus wurde die Grundlage für sein eigenes künstlerisches Werk gelegt und darin wurde die Bezeichnung « konkret » zum zentralen Begriff. Mit „konkrete gestaltung“ betitelte er einen Artikel, der 1936 anlässlich der Zürcher Ausstellung « Zeitprobleme in der Schweizer Malerei und Plastik » erschien und die hier formulierten Prinzipien markieren die Geburtsstunde der konkreten Kunst in der Schweiz. Bill muss ein sehr guter Pädagoge gewesen sein, denn ich kenne keine Beschreibung, die den Unterschied zwischen konkreter und abstrakter Kunst so anschaulich macht, wie sein Beispiel eines Grenzfalles der Malerei. 1947 schreibt er in einem Katalogtext:

 » Auf einer weißen Leinwand befindet sich ein roter Punkt. Dieser kann auf zwei Arten entstanden sein: erstens kann es ein Sonnenaufgang im Nebel sein und ist somit als Abstraktion anzusehen oder es kann, zweitens, ein roter Punkt sein, der einzig durch sein Verhältnis zur Fläche eine künstlerische Realität ausdrückt; in diesem zweiten Fall handelt es sich um die Konkretion eines abstrakten Gedankens, also um konkrete Kunst ».

Von 1951-56 war Bill Rektor der neu gegründeten Hochschule für Gestaltung in Ulm, von ihm stammt die Architektur des campusartigen Komplexes mit Unterrichtsräumen, Werkstätten und sozialen Einrichtungen. Bill hat an der HfG die Bauhaus-Idee konsequent zu Ende gedacht, ohne allerdings die Notwendigkeiten der Nachkriegszeit außer Acht zu lassen. Für ihn war die angemessene Formgebung eines Hockers, einer Uhr oder einer Schreibmaschine eine ebenso wichtige Aufgabe, wie die Gestaltung eines Bildes oder einer Plastik. Sein Schaffen basierte auf der Faszination für Zahlen, der Goldene Schnitt oder die Fibonacci Zahlenfolge kommen oftmals zum Einsatz und so ist bei ihm alles in sich stimmig und präzise berechnet. Der ästhetische Reiz seiner Werke beruht also auf der Harmonie exakt kalkulierter Form-Farb-Verhältnisse. Wichtig war ihm war die Nachvollziehbarkeit dieser Methoden durch den Betrachter. Jener sollte das Ordnungsprinzip hinter den Kompositionen erkennen und jenes in seine Bildwahrnehmung einbeziehen. Bill forderte den denkenden Betrachter und wollte „Bilder für den geistigen Gebrauch“ schaffen. Die Lesbarkeit seiner Bilder wird oftmals durch beschreibende Titel angestoßen. Bei den grafischen Reihen verfasste Bill auch erklärende Texte, welche die einzelnen Entwicklungsschritte verdeutlichen.

Das Quadrat wurde ab der Mitte der 1940er Jahre zu einem zentralen Thema. Zur Dynamisierung stellt es Bill auch über Eck und beruhigt die Komposition mitunter durch eine ruhige Mitte, so wie es in der Ausstellung bei « eingeschlossener kern », 1972-74 und « wegnehmen und zufügen », 1975 der Fall ist. Doch Bill ging es nicht nur um die harmonische Ausgewogenheit von Formen, sondern auch um die Farbe. Er untersuchte ihre Wirkung hinsichtlich ihrer Leuchtkraft, ihres Einflusses auf benachbarte Farben und vor allem ihrer Gewichtung. Das « Quantum », also die Farbmengengleichheit war ihm ein wichtiges Thema, wie Sie in der Ausstellung beispielsweise bei dem Bild « gleiche farbquanten zu schwarz/weiss » von 1977 beobachten können.

Blicken wir nun zu den Werken von Jakob Bill, der 1942 als Sohn von Binia und Max Bill in Zürich geboren wurde. Im 1932/33 von Max Bill gebauten Atelierhaus in Zürich-Höngg kamen Künstler, Architekten und Schriftsteller zusammen und so war die Kunst natürlich von je her ein selbstverständlicher Teil seines Lebens. Jakob Bill studierte Urgeschichte, klassische Archäologie und Kunstgeschichte an der Universität Zürich und es folgte eine Laufbahn als Wissenschaftler. Parallel dazu beteiligt er sich seit den frühen 1960er Jahren an zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen, er ist als Publizist und Ausstellungsmacher tätig und seit 1996 Präsident der max, binia + jakob bill stiftung. An den heute ausgestellten Werken sieht man sehr gut, dass Jakob Bill seine Herkunft und damit das Erbe seines Vaters nicht verleugnen will, doch er hat zu einer eigenständigen und unverwechselbaren Handschrift gefunden.

Ganz im Unterschied zu Max Bill verzichtet Jakob Bill auf erklärende oder beschreibende Bildtitel. Er signiert seine Werke mit der Jahreszahl und einer fortlaufenden Nummer. Überdies arbeitet er mit kontinuierlichen Farbverläufen, die auch die menschliche Wahrnehmung thematisieren. So entsteht in seinen Arbeiten der Eindruck von Tiefenräumlichkeit, die zweite Dimension wird scheinbar verlassen. Schon in den sechziger Jahren arbeitete Jakob Bill mit einer umfangreichen Palette von kräftigen, intensiven Farben sowie mit zarten Pastelltönen. Wenn Sie auf die Abbildungen Ihre Einladungskarte blicken, dann können Sie meine folgenden Ausführungen gut nachvollziehen: Hier sieht man nämlich, dass Max Bills Untersuchungen zur Farbe anhand von klar voneinander abgegrenzten Formen stattfinden. So sind seine Kompositionen aus eine klar zählbaren Menge von geometrischen Elementen zusammengesetzt, diese Teile sind in sich gleichmäßig, homogen, die Farbkontraste sind klar und stark. Jakob Bills chromatische Farbverläufe agieren dagegen innerhalb seiner Streifen, Quadrate oder Rechtecke und sie lassen die Begrenzung der Form verschwimmen. Wir können nicht mehr zwischen einem Bildvorder- und einem Bildhintergrund unterscheiden und tauchen in einen vibrierenden und schier endlosen Farbraum ein, der sich in alle Richtungen ausdehnt. Jakob Bill erweitert den Begriff eines Bildes also über das materiell Vorhandene hinaus. Dazu ein Zitat des Künstlers: „Seit mehreren Jahren fasziniert mich, wie das gemalte Bild lediglich einen Ausschnitt aus einem konkret erdachten Universum darstellt.“ Man kann diesen Gedanken auch gut an den mäanderartigen Formen nachverfolgen, deren Gestaltung sich bewusst auf einen Ausschnitt konzentriert, der vom Betrachter in den endlosen Raum hinein weitergedacht werden kann. Sie sehen, wieder ist der aktive Betrachter gefragt. Im Unterschied zum Vorgehen von Max Bill soll jener aber nicht über das mathematisch-logische System der Bildkomposition nachdenken. Jakob Bill fordert den Betrachter vielmehr dazu auf, selbst in diesen unendlichen Farbraum einzutreten, die Farben zu spüren, sie zu atmen und mit den Augen zu ertasten.

Jakob Bill ist fasziniert von den Kombinationsmöglichkeiten von Farben und vergleicht jene mit einer Grammatik: Er sagt: « man kann deklinieren und konjugieren und jedes Mal gibt es eine andere Bedeutung, bzw. ein anderes Bild.“ Nun verstehen Sie auch, warum er auf erklärende Titel oder weiterführende Beschreibungen verzichtet, denn das innere System der Farben selbst, in seiner abstrakten Form, ist der Inhalt des Bildes.

Ich komme nun zu David Bill, der als Sohn von Chantal und Jakob Bill 1976 in Zürich geboren wurde und leider im vergangenen Jahr im Alter von nur 42 Jahren verstorben ist.

Zwischen den Werken von Vater und Sohn gibt es – mindestens – eine schöne Verbindung. Denn Jakob Bill beschränkt sich bei seinen in Öl auf Leinwand ausgeführten Farbverläufen auf ein Bildformat von bis zu 2 x 2 Metern. Größere Leinwände könnte er in der von ihm gewünschten, äußerst präzisen Ausführung nicht mehr selbst bewältigen. Doch er schätzt an seiner künstlerischen Tätigkeit nach wie vor das Handwerk, will seine Bilder daher selbst ausführen und nicht nur ein Konzept entwerfen, das dann von anderen realisiert wird. Ich denke, dieses Gefühl, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen, war auch David Bill wichtig. Sein Weg in die konkrete Kunst führte ihn jedoch nicht zur Malerei, sondern zum Stahl. Das war naheliegend, denn nach einer Lehre als Schmied verfügte er über die Fähigkeit, die Ausführung seiner Skulpturen mit höchster Präzision selbst vornehmen zu können. Schwarz und Weiß, Fläche und Volumen – David Bill fühlte sich von Gegensätzen magisch angezogen. Hier in der Ausstellung finden wir einen weißen Kubus, der auf einer seiner sechs Seiten ein schwarzes Feld aufweist. David Bill nannte das Objekt von 2010 « hommage à malevich » und wies damit auf einen wichtigen geistigen Bezugspunkt hin, nämlich auf das 1913 geschaffene Bild « Schwarzes Quadrat » von Kasimir Malewitch. Dieses Werk hat er weitergedacht und aus Malewitchs schwarzer Fläche einen schräg gestellten Raum entwickelt. Aus der Kombination der beiden, seine Kunst bestimmenden Prinzipien, also dem Ausgreifen in den Raum und der Einteilung in klare Kontraste, fand David Bill zu einer treffenden Bezeichnung: Er nannte seine Werke raumkontrastverhältnisse.

Es ist faszinierend, was der Künstler mit seinen Kuben macht! Er zerlegt und verdreht sie, fügt sie – teilweise – durch ineinandergreifende Elemente wieder neu zusammen, alles öffnet sich und wächst in den Raum hinein. Die dabei entstehenden Außen- und Innenflächen werden durch den Kontrast von Schwarz und Weiß hervorgehoben, erst in den letzten Jahren trat, wie beispielsweise bei der Arbeit « 4 Jahreszeiten » von 2017 vereinzelt auch die Farbe hinzu. Einen wichtigen Anstoß dazu gab das Werk der 2013 verstorbenen Schweizer Künstlerin Nelly Rudin, mit der David Bill eng verbunden war.

Es ist nicht immer einfach, den Bauplan zu begreifen, der seinen Objekten zugrunde liegt. Durch die Zerlegung und den starken Kontrast des unbunten Schwarz und Weiß wird die Betrachtung zunächst oftmals von Dreiecksformen dominiert. Den Kubus nimmt man als Grundelement erst auf den zweiten Blick wahr. Mitunter helfen allerdings auch hier die Werktitel. So etwa bei der Plastik diagonalrhythmus zweier kubenstrukturen von 2010. Bei intensiver Betrachtung springt die Gestaltung um und man erkennt, dass hier zwei Kuben – ein schwarzer und ein weißer – durch präzise auf die Hälfte gesetzte Teilungen ineinander geschoben wurden. Komplizierter wird die Verschiebung von Symmetrieachsen, die Teilung und Drehung der einzelnen Elemente bei der « Komposition zweier Kubenstrukturen in 9 Stufen » von 2009, das Werk, das den Schlusspunkt der Ausstellung bildet. Doch auch hier zeigt sich, dass seine Werke immer nach klaren Regeln aufgebaut sind, wie bei dem pulsierenden Rhythmus eines Musikstückes gelangte der jüngste Bill dabei zu verschiedensten Varianten. Überdies hebelt der Künstler die klassische Vorstellung vom Bildbetrachter aus, der still und andächtig vor einem Kunstwerk zu verweilen habe. Um sich das Wesen seiner Skulpturen zu erschließen, muss sich der Betrachter bewegen und die verschiedenen Ansichten erkunden. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass Bill selbst keine Vorstudien oder Zeichnungen machte, diese Werke entstanden in seinem Kopf und er bezeichnete sein Vorgehen als ein « dreidimensionales Schachspiel ».

Sehr geehrte Damen und Herren, wir sehen heute, dass die konkrete Kunst nach wie vor durch eine große Kraft besticht, zu überraschenden Ideen kommt und aktuelle Problemstellungen reflektiert. Während Max Bill noch zu den Gründungsvätern der konkreten Kunst zählte, zeigen die Werke von Jakob und David Bill, dass der konkreten Kunst der Übergang ins 21. Jahrhundert auf überzeugende Weise gelungen ist.

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